Kate Brown, Tiny Gardens Everywhere – A History of Urban Resilience.

London (The Bodley Head), 2026, 320 Seiten

Ausgehend von der Einzäunung <enclosure> und Privatisierung der landwirtschaftlich gemeinsam genutzten Flächen <Allmende> im 18. Und 19. Jahrhundert in England und der folgenden Vertreibung der bäuerlichen Bevölkerung in die wachsenden städtischen Räume der sich rasch entwickelnden Industrialisierung analysiert die Autorin die mangelnde Versorgung mit Nahrungsmitteln und unterschiedliche Versuche durch Selbstversorgung das Elend zu mindern oder auch die Löhne, durch Überlassung einer kleinen Fläche zu Kartoffelanbau in unmittelbarer Nähe zur Fabrik weiter zu senken(1).

Intensive Beobachtungen der Autorin vor Ort in den USA, Niederlanden, Berlin und Estland bauen jeweils auf sozialhistorischen Studien der Versorgung der urbanen Bevölkerung mit Lebensmitteln auf. Dabei wird die globale Fehlentwicklung der modernen Landwirtschaft und des internationalen Handels mit Agrarprodukten ausgeleuchtet, die weltweit vorrangig auf einkommensstarke Bevölkerung in überwiegend urbanen Räumen ausgerichtet sind

Beispiele der eigenständigen Selbstversorgung mit gesunden Lebensmitteln und der Widerstände, die es dabei zu überwinden gilt, werden in den USA und den Niederlanden aus der Perspektive vielfältiger teilnehmender Beobachtung beschrieben(2).

Nach der Vertreibung und Enteignung der gemeinwirtschaftlich organisierten Bauern in England wurde die landwirtschaftliche Produktion durch Einführung des Pfluges und Verwendung von Kunstdünger modernisiert und brachte zunächst hohe Erträge, aber durch das Pflügen verlor der Boden an Fruchtbarkeit und der durchschnittliche Einsatz von Kunstdünger erhöhte sich von sieben Pfund <450 g> pro Acre <0,4 ha> im Jahre 1820 und 96 Pfund pro Acre im Jahre 1870 ohne dass sich die Produktivität dadurch erhöht hatte(3). Das enorme Bevölkerungswachstum und die Urbanisierung im 19. Jahrhundert wurden durch Importe aus dem kolonialen Imperium ermöglicht, 80 Prozent des Weizens und 40 Prozent des Fleisches und Rohrzucker(4). Die englische Landwirtschaft, überwiegend im Besitz lokalen Adels, wurde vernachlässigt. Weideland und Jagdländereien dominierten. Die urbane Arbeiterklasse bewirtschaftete eine halbe Million zugewiesene kleine Parzellen für Selbstversorgung.

Auch in Washington DC entstanden Gemeinschaftsgärten für den Anbau von Lebensmitteln. „Victory Gärten“ erhielten sogar während des 2. Weltkrieges für wenige Jahre ausdrückliche staatliche Förderung, die aber rasch nach Ende des Krieges bei steigenden Bodenpreisen zugunsten der Immobilienwirtschaft beendet wurde.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde das Pferd als urbanes Transportmittel von Schienenfahrzeugen und wenig später auch vom Automobil verdrängt, was zunächst als großer, die Verkehrssicherheit erhöhender, Fortschritt wahrgenommen wurde. Mit dem Verschwinden der riesigen Mengen Pferdemist aus der Stadt, der das Umland u.a. von New York und London zu fruchtbarem Land gemacht und die Städte mit Lebensmitteln versorgt (5) hatte, änderte sich die Agrarwirtschaft. Mit dem entstehenden Eisenbahnnetz konnten Agrarprodukte über weite Entfernungen kostengünstig geliefert werden und haben den regionalen Anbau ersetzt, dem zunehmend auch der natürliche Dünger des Pferdemistes(6) fehlte. 

Eine ausführliche sozialgeschichtliche Studie der Entwicklung des Gartenbaus in Berlin, das von einer Provinzhauptstadt zur schnell wachsenden Metropole(7) wurde, beleuchtet die Herausbildung der „Gartenstadt (Laubenkolonien)“ im Kontext von Mietwucher und Klassenkämpfen. Laubenkolonien wurden an den Peripherien der wachsenden Stadt von Immobilienspekulanten ständig bedrängt und häufig schließlich weiter an die Peripherie verdrängt.

Die Blockade Deutschlands im Ersten Weltkrieg erforderte Ersatz für Kunstdünger. Lebensmittelproduktion in kleinen Gärten und Kompostierung von Trockenklos und Abfällen(8) linderten teilweise die Not, in der schließlich Futterrüben zu einem wichtigen Nahrungsmittel wurden. Nach dem Krieg wurden 1919 endlich zahlreich kleine Gärten regulär vergeben. Kleingartenvereine und Schreberkolonien positionierten sich politisch unterschiedlich. Die „Blut und Boden für Deutsche“ Ideologie führte zur Bekämpfung von linken (KP) Laubenkolonien(9).

Während des Zweiten Weltkrieges wurde alles gefördert, was Ernährungsautarkie in Deutschland versprach(10), zugleich aber wurden Ernten im besetzten Europa zu großen Teilen beschlagnahmt und nach Deutschland für die Versorgung der Bevölkerung gebracht.

In den Niederlanden bestimmen die Interessen der Bauern seit Jahrhunderten die Politik. Sie haben mindestens zwei Jahrhunderte den profitablen Torfabbau durchgesetzt und dadurch große Teile des Landes tiefer als den Meeresspiegel gelegt, was erhebliche Deichbauten erforderte.

Die heutige Industrialisierung der Landwirtschaft hat das Land zu einem bedeutenden Exporteur von verarbeiteten landwirtschaftlichen Produkten gemacht, der auf riesigen Importen von Futtermitteln beruht, unter anderem Soja aus dem abgeholzten brasilianischen Amazonasgebiet. Die Menge der Fäkalien der Tierproduktion kann nicht vollständig im Land verteilt werden und muss in Teilen exportiert werden. Eine gegenwärtige rechte politische Mehrheit stützt die Agrarlobby und lehnt eine dringend notwendige Veränderung der Agrarpolitik ab.

Längere teilnehmende Beobachtung der Autorin von urbanen Initiativen in den Niederlanden beleuchtet die massiven Widerstände gegen urbane Gärten, die Lebensmittel biologisch auf kleinen Flächen anbauen. Toiletten als Beitrag zur Kompostierung für den biologischen Anbau von Lebensmitteln in urbanen Gartenflächen demonstrieren den Verlust im modernen Städtebau durch als Fortschritt wahrgenommene Fließwassertoiletten, deren Spülung als Abwasser entsorgt wird(11). Im ganzen Land zum Teil weitergehende Initiativen für eine naturgerechte Landwirtschaft, wie z.B. Konsum nur von regional ökologisch erzeugten Lebensmitteln, werden beschrieben. Die radikale Industrialisierung der Landwirtschaft in den Niederlanden mit Verwendung giftiger Stoffe unter anderem zur Schädlingsbekämpfung schlägt sich auch in erhöhter Mortalität der ländlichen Bevölkerung nieder.

Zu Deutschland ist anzumerken, dass ein zu hoher Düngemitteleinsatz, darunter Tierfäkalienimporte aus den Niederlanden zu Nitratschäden im Grundwasser geführt hat. Die städtischen Klärwerke des Abwassers, einschließlich Toilettenspülung, haben zunehmend neue Schwierigkeiten, seit die Lobby der Apotheken und der Pharmaindustrie durchgesetzt hat, dass überschüssige Arzneimittel als Hausmüll zu entsorgen sind und nicht mehr von den Apotheken gesammelt werden müssen. Substanzen, die nicht in Klärwerken abgebaut werden können, gelangen so ins Abwasser.

Der Forschungsaufenthalt der Autorin in Estland bietet einen Rückblick auf das Erbe der sowjetischen Landwirtschaft und die Veränderungen der Landwirtschaft in einem nunmehr westlich orientierten eigenständigen Land. Die staatliche industrielle Landwirtschaft in der Sowjetunion war überwiegend ineffizient und hat zu keinem Zeitpunkt eine befriedigende Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln erreicht. Weit verbreitet und bedeutend war die Überlassung eines kleinen Stückes Land im weiteren Umkreis der Städte für eine „Dacha“ und den Anbau von Lebensmitteln. In Estland haben die „Dachas“ mit der Unabhängigkeit rasch an Bedeutung verloren und das Gelände vor allem der russischen Bewohner Estlands wurde anderweitig beansprucht. Estland glänzt mit hohem Wirtschaftswachstum in der postsowjetischen Welt Osteuropas, aber das Land wurde zugleich ein massiver Importeur landwirtschaftlicher Produkte und Lebensmittel. Auch in der ehemaligen DDR trugen die begehrten „Dachas“ in erheblichem Umfang zur Versorgung mit Lebensmitteln durch Eigenanbau auf dem Gelände der „Dachas“ bei. 

Sehr informativ sind die umfangreichen Abschnitte zu Strategien des Eigenanbaus in den urbanen Räumen der Nordstaaten der USA und vor allem in Washington D.C. beginnend mit der Freisetzung Schwarze Farmarbeiter in den zwanziger Jahren in den Südstaaten und deren Wanderung nach Norden, vor allem nach dem stark wachsenden Washington D.C. Staatliche Regulierung im Verbund mit der Immobilienbranche bereits unter Präsident Wilson in den zwanziger Jahren hat den Süden der Hauptstadt zu einem „weißen“ Stadtgebiet gemacht. Schwarze Amerikaner und die neue Zuwanderung aus den Südstaaten wurden daher Pioniere auf der linken Seite des Anacostia-Flusses, einem infrastrukturell wenig erschlossenen Gebiet der Stadt, und bauten dort Hütten und Häuser mit Gärten zur Eigenversorgung mit Lebensmitteln. Durch Kompostierung, einschließlich der Fäkalien, waren die Gärten dauerhaft sehr produktiv.

Als die Stadt schließlich Wasser, Abwasser und Straßenbau in dieses Gebiet brachte, wurden die Vorschriften für suburbane Gebiete im Verbund mit Immobilienspekulation rücksichtslos durchgesetzt und vorhandene Häuser und Hütten einschließlich der reichen Gemüsegärten rücksichtslos abgerissen und durch klassische suburbane Einzelhäuser mit gepflegter Rasenfläche ersetzt, die sich überwiegend nur weiße Amerikaner leisten konnten.

Brown beschreibt die Mechanismen, die in ständig wachsenden suburbanen Räumen(12) in den USA einheitlich das Einfamilienhaus, umgeben von einer grünen Grasnarbe und Parkfläche für das oder die notwendigen Autos durchsetzen. Durch städtische Regularien wird dieses am Immobilienwert orientierte Erscheinungsbild, gegebenenfalls mit juristischen Mitteln durchgesetzt. Küchengärten und Blumenbeete sind untersagt. Die strenge Regulierungshoheit wird häufig auch an lokale Hausbesitzervereinigungen delegiert, die meist noch strenger das am Immobilienwert orientierte Erscheinungsbild der Einzelhäuser überwachen.

Die Autorin hat sowohl die zum Teil skurrilen juristischen Auseinandersetzungen um die Anlage eines Küchengartens auf der von der Straße abgewandten Seite und die Pflanzung von Blumen und Büschen im Eingangsbereich beleuchtet. Das Ergebnis sind biodivers sterile Räume der ständig wachsenden suburbanen Gebiete in den Vereinigten Staaten. 

Die Verknüpfung von umfangreicher teilnehmender Beobachtung des Anbaus in Gärten in Washington D.C. und umliegenden Staaten mit sozial-ökonomischen Entwicklungen macht Mechanismen des nach wie vor prägenden latenten Rassismus in der amerikanischen Gesellschaft sichtbar. Eine „Ökologie des Prestiges“ bestimmt den Immobilienwert und segregiert mittelbar die Gesellschaft nach Hautfarbe und Herkunft in den ständig wachsenden suburbanen Wohngebieten. 

Das Plädoyer des Titels des Buches „kleine Gärten überall“ ist die Antwort der Autorin, wie man das Ausgeliefertsein den globalen agrarindustriell dominierten Märkten mindern oder sogar überwinden kann, indem man überall, auch in Städten,  eigenständig in kleinen Gärten, auf Balkonen und auf Dächern gesunde Lebensmittel produziert. Nicht selten stößt man auf Widerstände, die man mit Energie und Ausdauer überwinden muss.

Fussnoten
(1) Zur Rolle des Kartoffelanbaus in der frühen Industrialisierung Englands siehe Redcliffe L. Salaman, The History and Social Influence of the Potato, Cambridge 1949 2nd Edition 1970.
(2) Dieses anregende Buch einer amerikanischen Autorin wird in diesem Text durch weitere Beobachtungen zur gegenwärtigen globalen Agrarwirtschaft ergänzt und bestätigt.
(3) S.23
(4) Zucker aus der in Europa angebauten Zuckerrübe wurde erst einhundert Jahre später entdeckt und produziert.
(5) Hierzu ausführlich: Ulrich Rauff, Das letzte Jahrhundert der Pferde, Geschichte einer Trennung, München <C.H.Beck>, 2015.
(6) Gärtner in Paris haben im 19. Jahrhundert mit dem Pferdemist in der kalten Jahreszeit frisches Gemüse produziert und sogar nach London exportiert, indem sie in Gräben 70 cm Pferdemist einbrachten, ihn mit einer Schicht Gartenerde abdeckten und dann unter Glas ganzjährig Gemüse anbauten <S.76f.> 
(7) Eine wesentliche Lehre für die militärische Logistik des Krieges 1870/71 war, dass die Kopfbahnhöfe der Eisenbahnlinien nach Osten und Westen eine Verladung von Kriegsgeräten und Waffen mit Pferdefuhrwerken erforderten. Daher baute man eine Ringbahn um die Stadt herum. Sie wurde schon nach wenigen Jahren zur Ringbahn des städtischen Schnellbahnnetzes, während die Stadt weit über diese ursprünglich für militärische Zwecke gebaute Ringbahn hinausgewachsen war.  (8) Zu meinen Kindheitserinnerungen nach 1945 gehört das Leeren der Jauchegrube mit einer Handpumpe und einer Schöpfstange zur Düngung vom Gemüseanbau, der auf jedem Stück freien Boden betrieben wurde, und die Wurmkuren, die verbreitet notwendig wurden. 
(9) Einigen wenigen ist es gelungen, in den Laubenkolonien der Verfolgung und Deportation zu entgehen. 
(10) Ein Beispiel ist das 1943 erschiene Buch Könemann, Ewald, Nussbau in allen Lagen, Berlin 1943.(11) Die Toilettenspülung beansprucht in den USA ein Viertel des Trinkwassers. 
(12) Jährlich wächst der suburbane Raum in den USA um mehr als die Hälfte der Fläche des Saarlandes. Einzelhäuser umgeben von einheitlichem Rasen mit Parkmöglichkeiten für ein oder mehrere Autos und Bindung an eine Straße ohne Fuß- oder Fahrradweg bestimmen das jeweils isolierte Leben in ständig wachsenden urbanen Räumen der Vereinigten Staaten. 

Peter Lock, September 2026